Bericht Hans Keckstein - orstchronik

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Flüchtlingszeit
Erinnerungen von Hans Keckstein
Diese Erinnerung schrieb Hans Keckstein, geb. in Kettwa, Kr. Kaaden, Sudetenland, als Sohn eines Bahnbediensteten. Nach Schul- und Lehrzeit Wehrdienst bei einem Pionierregiment der tschechischen Armee. Ab 1925 in Karlsbad als Kraftfahrer tätig. Verheiratet zwei Kinder. Von 1939 bis 1945 Kriegsdienst im Baltikum und in der Ukraine als Kraftfahrer beim Stab der 8. Armee. Aus amerikanischer, später russischer Gefangenschaft Ende Juli 1945 als Invalide entlassen. Nach Vertreibung seit August 1946 in Asbach-Bäumenheim wohnhaft. Von 1948 bis 1968 Betriebsrat bei Fa. Dechentreiter, von 1952 bis 1972 Gemeinderat, von 1952 bis 1966 Kreisrat. Es halfen mit: Karl Fraunhofer, Andreas Furier, Franz Grill, Josef Häusler, Kurt Henze, Karl Prosch und Erna Thomas.
Hans Keckstein, Sudentenstraße 4, 8854 Asbach-Bäumenheim Bäumenheim, anno 1982
 
Nach dem Zusammenbruch des deutschen Reiches im Mai 1945 ergoss sich in das ausgeblutete und durch Bomben zerstörte Land ein Strom von Flüchtlingen und Vertriebenen. Durch einen Bombenangriff im März 1945 war auch Asbach-Bäumenheim schwer getroffen. Über hundert Menschen verloren das Leben, viele Wohnhäuser wurden zerstört oder schwer beschädigt.
Trotzdem fanden in dieser Gemeinde in den ersten Jahren nach dem Kriege über 760 Vertriebene eine neue Heimat. Die ersten Flüchtlinge, ca. 130 Personen kamen aus den deutschen Ostgebieten, aus Schlesien, Pommern, Ostpreussen und aus Berlin. Vorher traf noch eine Familie aus Südtirol (9 Köpfe), die durch die Abtretung dieses schönen Landes an Italien ihre Heimat verlor, hier ein.
Aus dem Südosten kamen ca. 140 Menschen nach Asbach-Bäumenheim und zwar hauptsächlich aus der Gegend von Gertianosch (Kr. Temesburg, rumänisches Banat) etwa 100 Personen. Aus der Batschka (Jugoslavien) stammten 25 und aus Ungarn 15 Vertriebene.
Die Vorfahren dieser Volksgruppe waren vor über 200 Jahren nach Südungarn (Banat) gekommen. Als in den Türkenkriegen die Kaiserlichen Heere unter Prinz Eugen die Türken über die Donau zurück gedrängt hatten, ließ die Kaiserin Maria Theresia (reg. 1740-80) diesen Landstrich mit deutschen Bauern und Handwerkern besiedeln.
Fast alle diese Siedler kamen aus dem süddeutschen Raum, daher der Name ,,Donauschwaben“. Der donauschwäbische Schriftsteller Adam Müller-Guttenbrunn hat diese Landnahme in seinem Buch ,,Der große Schwabenzug“ anschaulich geschildert. Zusammen mit den Siebenbürger, Sachsen, sollten diese Deutschen das Land vor neuen Türkeneinfällen sichern; und das taten sie auch viele Jahre.
Aus dem Baltikum (Estland) fanden sich 4 Vertriebene in Asbach-Bäumenheim ein. Die meisten Vertriebenen jedoch, über 480 Seelen, kamen in Transportzügen aus der Tschechoslowakei. Die verlorene Heimat dieser Sudetendeutschen lag in folgenden Gebieten und Kreisen: Im Egerland in den Kreisen Asch, Eger, Falkenau, Elbogen, Karlsbad, Tepl, Mies und Luditz, im Böhmerwald und Südböhnen, im Erzgebirge in den Kreisen Graslitz, Neudeck, St. Joachimstal und Weipert, im Saazerland mit den Kreisen Kaaden, Saaz, Duppau, Podersam und Komotau, in Nordböhmen in den Gebieten um Brüx, Teplitz, Tetschen-Bodenbach, Aussig, Reichenberg, Gablonz und Trautenau, in Mähren-Schlesien aus Freudental, Freiwaldau, Hohenstadt, Neutitschein, Olmütz und Brünn. Aus Südmähren stammten 4 Weinbauern mit Familien und aus der Zips (Slowakei) ebenfalls 4 Vertriebene.
Die Ahnen dieser Sudetendeutschen wurden vor über 700 Jahren von den Böhmischen Königen ins Land gerufen. Die Randgebiete der böhmischen Länder (Böhmen, Mähren und Schlesien) waren damals fast menschenleer, bewaldet und fast ohne Weg und Steg. Aus Deutschland kamen Bergleute,Bauern und Handwerker um als freie Bürger das Land zu erschließen. Der Bergbau – gefördert wurden im Erzgebirge Silber, Zinn und Kupfer, erreichte von 1500-1700 seine Blütezeit. Zahlreiche Ortsnamen (Kupferberg, Zinnwald, Schlaggenwald, Trinkseifen, Silberbach u.v.a.) gehen auf den Bergbau zurück. Aus dem in St. Joachimstal geförderten Silber wurden die ersten Silbermünzen geprägt, die nach ihrer Herkunft den Namen ,,Taler“ erhielten. Auch der Name des amerikanischen ,,Dollar“ leitet sich von diesem Taler ab. Als Abfallprodukt fiel die Pechblende an und darin fand Frau Curie im 19. Jahrhundert das Radium. Heute fördern in St. Joachimstal und Schlaggenwald die Russen Uran für die Atombombe. Die deutschen Bauern rodeten den Urwald, viele Ortsnamen mit der Endung ,,reuth“ findet man im ganzen Sudetenland. Nach dem Erliegen des Bergbaus entstanden in den von Deutschen besiedelten Gebieten viele Handwerk- und Industriebetriebe. Böhmisches Glas und Porzellan, Gablonzer Schmuck und Textilien aus Nordböhmen und Schlesien wurden weltbekannt. Die Landwirtschaft und Viehzucht erreichten einen hohen Stand; Saazer Hopfen, ein Spitzenerzeugnis wurde zum größtenteil ausgeführt.
So haben Deutsche mit Mühe und Fleiß aus Urwald und Wildnis in einigen Hundert Jahren ein blühendes Land geschaffen. Tausende Gäste besuchten jährlich die Bäder Karlsbad, Marienbad, Franzensbad und Teplitz, suchten und fanden dort Heilung. Wintersportler, Erholungssuchende und Wanderer hatten herrliche Gelegenheiten im Riesen- und Erzgebirge, um den Altvater, im Elbesandsteingebirge und Herrnskretschen bis Tissa und im Mittleren Egertal von Karlsbad bis Kaaden.
Bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1914-18 waren die Länder der böhmischen Krone ein Teil der Monarchie Österreich-Ungarn, in der die Habsburger als Kaiser von Österreich und als  König von Ungarn herrschten. Im Reichstag zu Wien saßen deutsche, tschechische, ungarische, ruthenische, kroatische, rumänische und italienische Abgeordnete. Dieser Vielvölkerstaat mit über 50 Millionen Einwohnern, war ein sich selbst versorgendes Wirtschaftsgebiet. Die Währung, die österreichische Krone zu 100 Heller, war durch Gold gedeckt und galt an der Börse 0,83 Reichsmark. Die fetten Gewinne aus dem Tabakmonopol, der Staat kaufte, verarbeitete und verkaufte alle Tabakwaren in eigener Regie, reichten zur Finanzierung eines ausgezeichneten, reichgegliederten Schulwesens gerade aus. Volks – und Bürgerschulen (1.-5. bzw. 6.-8. Schuljahr) Mittelschulen, Handelsschulen Lehrerbidlungsanstalten, Gymnasien, Musikschulen, Akademien und Hochschulen vermittelten eine sehr gute Ausbildung. In dieser sogenannten guten, alten Zeit verdiente ein Taglöhner 160 Kronen täglich, ein Briefträger monatlich 60 Kronen. Die Lebensmittel waren billig; ein Ei kostete 4-6 Heller, 1 l Bier 20 Heller. Im Herbst 1918 zerfiel Österreich-Ungarn in  3 Staaten: Deutsch-Österreich (9 Millionen Einw.) Ungarn (9 Mio. Einw. Und die Tschechoslowakei (14 Mio. Einw.) Polen erhielt Galizien, Rumänien besetzte Siebenbürgen, die Bukowina und Teile des Banats. An Jugoslawien fielen Kroatien, Bosnien, Dalmatien und Krain, an Italien Triest, Görz, Istien und ein Teil Südtirols.
Den Sudetendeutschen verweigerte man das Recht auf Selbstbestimmung und presste sie gegen ihren Willen in den tschechischen Staat. Bei Demonstrationen für den Anschluss an Österreich in mehrerern Städten des Sudetenlandes im März 1919 schoss tschechisches Militär in die Menge; es gab viele Tote und Verwundete.
Bis dahin war ein Großteil der Industrie Österreich-Ungarns in den Gebieten der heutigen Tschechoslowakei konzentriet, und zwar die Porzellan- Glas- Schmuck- Zucker- Textil- und Chemische Industrie zu 80-100%, die Metallindustrie zu 60%. Eine einzige Stadt in Nordböhmen (Gablonz) zahlte mehr Steuern als das Königreich Dalmatien an der Adria. In der Tschechoslowakei lag wiederum der größte Teil der Industrieanlagen in den von Deutschen bewohnten Randgebieten. Von der Porzellan- Glas- Schmuck- Textil- Textilmaschinen- Musikinstrumenten- Zement- und Papierindustrie und vom Braunkohlebergbau waren 80-90% in deutschen Händen, brachten den meist deutschen Arbeitern das Brot. Die Tschechen, mit 7 Mio. nur knapp die Hälfte der Bewohner dieser Rebublik, versuchten nun aus dem Viervölkerstaat einen tschechischen Taionalstaat zu machen. Stellen im Staatsdienst, bei der Post und Eisenbahn  auch in rein deutschen Gebieten wurden nur mit Tschechen besetzt; mittels einer Bodenreform zerschlug man die deutschen Großgrundbesitze und verteilte das Land an Tschechen. Die Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren traf die Deutschen viel härter als die Tschechen, da die Ausfuhr der Industrieerzeugnisse stark zurückging. Einige hunderttausend sudetendeutsche Arbeiter wurden arbeitslos und die Spannung zwischen Deutschen und Tschechen vergrößerte sich. Bei den Wahlen im Jahre 1935 wurde die Sudetendeutsche Partei unter Konrad Henlein die stärkste Partei im Prager Parlament, da fast alle Deutschen dieser Partei ihre Stimme gaben.
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Oktober 1938 schloss sich das Sudetenland an das Reich an.Nach dem 2. Weltkrieg erfolgte in den Jahren 1945-47 mit Zustimmung der Siegermächte die Vertreibung der deutschen Volksgruppe. In den ersten Monaten nach Kriegsende herrschte im Sudetenland die russische Soldateska und der tschechische Mob. Die Deutschen mussten weiße Armbinden tragen und waren vogelfrei, den örtlichen Machthabern ausgeliefert. Vergewaltigung, Plünderung, Erschießen und Erschlagen waren etwas Alltägliches. Tausende verübten Selbstmord. Die Verluste der Sudetendeutschen während der Vertreibung werden auf über 200 000 Menschen geschätzt. Erst später wurde die Austreibung geregelter, die Deutschen in Lagern gesammelt und in Transportzügen über die Grenze abgeschoben, In Wisau führten amerikanische Soldaten eine allgemeine Entlausung durch  und der Hilfszug Bayern vom Roten Kreuz gab die erste Verpflegung aus. In Augsburg erfolgte die Verteilung auf die schwäbischen Landkreise. Im Kreis Donauwörth gab es Lager im Heiligkreuz, ein Barackenlager an der Zirgesheimer Straße.
In der Tschechoslowakei wurden die Deutschen wie Vieh verladen und in jeden Güterwagen, ob groß oder klein, 40 Männer, Frauen und Kinder mit Gepäck gepresst. In der Regel waren nur 50 kg pro Kopf gestattet. Aus den Lagern im Landkreis DON erfolgte die Verteilung an die einzelnen Gemeinden. Die Bürgermeister in vielen Orten verweigerten, angeblich wegen Wohnungsmangel, die Aufnahme und schickten die Wagen ins Lager zurück. Der damalige Bürgermeister Karl Förg brachte es fertig, alle ihm Zugewiesenen recht und schlecht unter zu bringen. Es war keine leichte Aufgabe, in dem durch den Bombenangriff schwer beschädigten Ort, für Alle ein Obdach zu finden. Auch nach Hamlar kamen ca. 40 Personen. Die zwei größeren Betriebe Dechentreiter und Droßbach boten verhältnismäßig gute Arbeitsmöglichkeiten, viele Vertriebene halfen auch in der Landwirtschaft mit.

Jeder 4. Bäumenheimer ein Vertriebener
Da war nun in den Hungerjahren 1945-48 ungefähr jeder vierte Bewohner von Asbach-Bäumenheim ein Vertriebener, die Versorgung mit Wohnraum, Nahrung und Heizmaterial miserabel. In einem Barackenlager, an Stelle des heutigen Textilhauses Krippner, vegtierten ca. 40 Familien, das Arbeiterhaus, Haußtstraße 0 war voll gestopft und an der Mertinger Straße (Zipfel) standen ebenfalls einige Baracken. Die meisten Vertriebenen aber waren in Einzelhäusern notdürftig untergebracht. Das enge Zusammenleben war oft der Anlass u Streit und Reibereien mit den Hausbesitzern. Der Schreiber dieser Zeilen hatte Glück, er fand bei der Familie J. und A. Uhl verständnisvolle Aufnahme und Unterkunft, und nach einigen Wochen so etwas wie Familienanschluss. Bis 1948 gab es auf Lebensmittelkarten minimale Rationen, etwa 1000 Kalorien täglich. Die Karten waren gestaffelt in Normal, Halbschwer- und Schwerarbeiterkarten, aber hungern mussten wir alle. Ein Verwundeter erklärte mir einmal verbittert: ich bekomme nur die Halbschwerarbeiterkarte, da ich ja nur einen Arm habe. Als Verbindungsmann der Vertriebenen zu den Behörden wurde der Flüchtlings-Vertrauensmann eingesetzt.

Franz Grill erster Vertrauensmann
Herr Franz Grill war durch dieses ,,Ehrenamt“ voll ausgelastet; denn ob es sich um Gutscheine für alles mögliche, um Wohnungsprobleme oder um Beschwerden handelte, man ging zum Grill. Genau so knapp wie die Lebensmittel war die Versorgung mit Heizmaterial. Einmal handelte Herr Grill mit einem Förster eine Holzbeschaffung im Daitinger Wald aus. Jeweils 10 Familien fuhren mit einem Lkw in den Wald und kamen abends beladen mit Stämmchen und Kleinholz zurück. Es wurde wieder Torf gestochen, Stöcke ausgegraben, Kleinholz geholt so dass die umliegenden Wälder sauber waren wie noch nie. In den Waldungen bei Wächtering litten die Fichten unter Nonnenfraß, etliche tausend Festmeter Holz mussten geschlagen, entrindet, die Rinden verbrannt werden. Männer und Frauen arbeiteten dort mit, als Lohn gab es einige Ster Brennholz. Die Wohnungsnot trieb zur Selbsthilfe. Man fertigte aus Kies und Zement Bausteine, mit gerade gerichteten rostigen, Nägeln wurden Abfallbretter und Schwarten zusammengenagelt und dienten als Dachsparren. So entstanden die ersten Eigenheime.
Die Besatzungsmacht hatte einen Lohn- und Preisstoß verhängt, ein Facharbeiter verdiente in der Stunde 72 Reichspfennige. Um diesen Lohm um einige Pfennige zu erhöhen stuften die Betriebe die meisten Arbeiter auf, so dass es fast nur noch qualifizierte Arbeiter und Fachkräfte gab. Der Schwarz- und Tauschhandel blühte, ein Feuerstein oder eine Zigarette kostete 5 RM.
Die Fa. Dechentreiter fertigte damals mehrere tausend hölzerne Handwagen (Lux) und gab öfter ein solches Fahrzeug an die Mitarbeiter ab, welches im Tausch einen Zentner Weizen brachte. Ebenso erhielten die Arbeiter der Fa. Droßbach Leinen und Strohsäcke. Sehr groß war der Mangel an Öfen und Herden im kalten Winter des Jahres 1947. Es wurden zwar für alle möglichen Dinge Gutscheine geschrieben, aber die Beschaffung war recht schwierig. In vielen Flüchtlings-Versammlungen gab es heiße Debatten über immer dieselben Probleme: Ernährung, Wohnung, Heizung. Ein Flüchtlings-Ausschuss wurde gewählt, der verschiedene Veranstaltungen durchführte. Mehrere bunte Abende brachten Unterhaltung und Spass, eine junge Tanzgruppe studierten Volkstänze ein. Ein ,,Erfolg“ waren dann die ersten Mischehen. In der Regel liefen die Ehen besser, in denen die Braut eine Vertriebene war, als umgekehrt. Die paar Ausnahmen bestätigen die Regel.
Im Jahre 1949 wurde eine Begräbnishilfe ins Leben gerufen. Bei jedem Sterbefall kassierte man DM -. 50, später DM -. 75 und zahlte das Sterbegeld in Höhe von DM 50.- bzw. DM 90.- sofort aus. In dieser Zeit waren in den wenigsten Familien Geldreserven vorhanden, so dass dieser heute niedrig erscheinende Betrag eine wirkliche Hilfe bedeutete. Der Bestand an zahlenden Familien betrug im Jahre 1961 über 2000 und sank dann in den 70ern auf 120 Mitglieder. Für 169 Sterbefälle wurden DM 14.650.- ausgezahlt. Die Begräbnisbeihilfe, die von der Landsmannschaft verwaltet wurde, löste man 1976 auf. Ein Restvermögen von ca. DM 1300.- verteilte man an Mitglieder, die noch kein Sterbegeld erhalten hatten.

Währungsreform Juni 1948
Im Juni 1948 kam dann die Währungsreform, die Lebensmittelkarten verschwanden so nach und nach, der beste Bezugsschein war plötzlich wieder die gute, ehrlich verdiente Deutsche Mark. Jeder war Besitzer von DM 40.- und das deutsche Wirtschaftswunder, unterbrochen von vielen Rückschlägen, lief langsam an. Das Lastenausgleich-Gesetz im Jahre 1950 brachte besonders für die älteren Vertriebenen einige Verbesserungen, an Stelle der bisher hezahlten, minimalen Soforthilfe trat die Unterhaltshilfe. Der Papierkrieg begann, unzählige Anträge auf Unterhaltshilfe, Hausratshilfe, auf Ersatz der Haus- und Landwirtschafts- und Betreibsverluste mussten geschrieben und eingereicht werden. Ein Ehepaar, das nur seinen Hausrat verloren hatte, erhielt DM 1200,- in mehreren Raten. Alleinstehende die Hälfte. Die Grundstück- und Betriebsverluste wurden nach dem Einheitswert berechnet, da Dokumente meist nicht vorhanden waren, mussten diese Werte mit Hilfe von 2 Zeugen mühsam bewiesen werden.
Durch den Lastenausgleich wurden nicht nur die Vermögensverluste der Vertriebenen, sondern auch die Kriegsschäden der einheimischen Bevölkerung, soweit sie nicht vor der Währungsreform behoben waren, entschädigt. Die nötigen Mittel für diesen Ausgleich brachte die Lastenausgleichabgabe, ein gewisser Prozentsatz auf die Einheitswerte, aller Besitzenden.
Die tristen Zustände vor und nach der Währungsreform führten dazu, dass sich die Vertriebenen  zusammenschlossen und um die Aufnahme in die komunalen und sonstigen Vertretungen bewarben. Bei der Betriebsratswahl 1948 wurden erstmals Vertriebene in die Arbeitnehmervertretungen gewählt. Hier ging es hauptsächlich um die Zuteilung von Brennholz, Textilien, Geschirr, Fahrrädern und Ähnlichem durch die Betriebe. Bei der Gemeindewahl 1948 zogen auf eine Liste ,,Heimatvertriebene und Schlesier“ drei Vertriebene (Franz Grill, Franz Klug und Walter Petzak) in den Gemeinderat ein. Im Jahre 1950 entstand ein Ortsverband des Bundes der heimatvertriebenen und Entrechteten BHE. Bei der Gemeindewahl 1952 entfielen auf die Liste des BHE 4 Mandate, gewählt wurden Walter Fries, Franz Grill, Hans Keckstein und Max Kubail. Bei einer Wählerversammlung vor der Wahl 1956 sprach der damalige Minister für Vertriebene Professor Oberländer beim Unterwirt. In den Gemeinderat wählte man Grill, Keckstein, Kubail und Dr. Paninka. Bei der Wahl 1960 erreichten Grill, Keckstein und Dr. Paninka die nötigen Stimmzahlen, nach dem plötzlichem Tod Dr. Paninkas 1962 kam Herr Heinz Weber in den Gemeinderat. H. Grill kümmerte sich um das Wohnungswesen, H. Keckstein war Baureferent und H. Kubail bepflanzte 1953 die Straße nach Auchsesheim mit Akazien und Pappeln. Nach dem Krieg waren das Schulwesen, die Straßen und die Wasserversorgung in einem primitiven Zustand. In der alten Schule bei der Kirche standen nur 3 Schulräume für über 3000 Einwohner zur Verfügung. An Lehr- und Lernmitteln war fast nichts vorhanden. Nach der Währungsreform kaufte die Gemeinde den Rohbau einer Konservenfabrik und erstellte 4 neue Klassenräume, durch spätere Anbauten 1953-50 gewann man noch 6 weitere Klassenräume. Trotzdem reichten diese Räume nicht aus und bis zum Neubau der Verbandsschule, ab 1967 mit 24 Klassen, musste noch in Ausweichräumen, auch im Gasthaus, Unterricht erteilt werden. Im Hinblick auf die sinkenden Schülerzahlen ist dieser Bau etwas groß geraten und ausreichend für viele Jahre. Die Wanne des gleichzeitig gebauten Hallenbades liegt teilweise im Grundwasser. Während der Planung versuchte der Schreiber mehrmals das Niveau des Bades um wenigstens 1 m anzuheben, um dadurch spätere Reparaturen zu erleichtern. Gegen die Meinung der Architekten gab es jedoch kein Durchkommen, die Unterstützung des Gemeinderates fehlte.
Der Wohnungsmangel schrie nach Abhilfe. Auf einem Acker, der im Besitz der Gemeinde, war, entstanden die Sonnen- und die Hirtenstraße. Die Gemeinde verkaufte diese Bauplätze 1948 zum Preise von DM 40-50 für ein Decimal (ca. 34 qm). Im Jahre 1952 baute das Wohnbau-Selbsthilfe-Werk des Landkreises Donauwörth, Mitbegründer dieser Genossenschaft war Bürgermeister Lorenz Schmidt, in der unteren Sudetenstraße drei Wohnblcks mit 30 Wohnungen. In den folgenden Jahren entstanden auf der Grünen Wieseab 1953 die Mozart-, die Schiller- und die Frühlingsstraße. Am Steglesgraben, ab 1954 die Raiffeisenstraße und die östliche Nordstraße und wurden mit Einfamilienhäusern bebaut. Ab 1956 errichtete man in der Blumenstraße die ersten Eigenheime und in der Donauwörther Straße wurde die Baulücke bis um Steglesgraben geschlossen. Die Adalbert-Stifter-Straße, die Gutenberg und die östliche Gartenstraße wurden ab 1959 bebaut. Ab 1961 wurden weitere Wohnhäuser in der Möricke-, in der Uhland-, im Buschweg, im Thomaweg und in der Erlenstraße fertiggestellt. Nachdem das Wohnbau-Selbsthilfe-Werk 1963-69 in der Jurastraße und in der Buchenstraße weitere 42 Wohnungen fertiggestellt hatte, waren die Holzbaracken endlich verschwunden und die ärgste Wohnungsnot beseitigt. Die Grundstückpreise waren in dieser Zeit enorm gestiegen, für ein Decimal zahlte man bis DM 1000,-. In der Mehrzahl waren die Bauherren Vertriebene. In den 20 Jahren nach der Währungsreform schafften sich mindestens 110 Heimatvertriebene ein eigenes Heim. Nur durch große Sparsamkeit, viel Arbeit und Schweiß konnte diese Aufbauarbeit geleistet werden. Mancher dieser Häuslebauer war nach dem Einzug in sein neues Heim so verbraucht und krank, dass er sein Werkzeug für immer niederlegen musste. Im Jahre 1956 errichtete die Landsmannschaft am Friedhof einen Gedenkstein aus Fichtelgebirgs-Granit für die in der alten Heimat Verstorbenen. Pfarrer Hacker aus Zettlitz bei Karlsbad weihte diesen Stein.
Bis zum Jahre 1952 waren an staubfreien Straßen vorhanden: ein Stück Betonstraße von der Fa. Dechentreiter zum Bahnhof, ein Teil der Donauwörther Straße, die Hauptstraße bis zum Unterwirt und die Straße nach Auchsesheim. Alle übrigen Straßen waren nur Kieswege und bei Regenwetter fast unbegehbar. Mit dem zunehmenden Autoverkehr waren manche Straßen mit Schlaglöchern übersät. Bereits im Jahre 1954 wurde die heutige Römerstraße, unter Aufsicht des Kreisbaumeisters Bergmann, mit einem festen Unterbau und einer Teerdecke ausgebaut. Nach dem Bau der Wasserversorgung (1957-59) erhielten jedes Jahr ein oder mehrere Straßen eine Kies-Bitumendecke mit Unterbau aus Kies, den man aus der gemeindeeigenen Kiesgrube holte. Der Tagwasserkanal wurde auf Sandbett verlegt. Große Schwierigkeiten bereitete der Abfluss des Regenwassers, zu dem noch die Überläufe der vielen privaten Klärgruben kamen, bei dem geringen Gefälle zu dem als Vorfluter völlig ungeeignet Steglesgraben. Da ja noch der Schmutzwasserkanal ein zu bringen war, wurde die billigste Ausführung, 4 cm Tragschicht, 2 cm Verschleißschicht und ohne Pflasterrinnen, gewählt. Zur Finanzierung des Straßenbaus beschloss der Gemeinderat auf Antrag des 2. Bürgermeisters R. Sigl eine Satzung zur Erhebung von Anliegerbeiträgen. Diese Beiträge betrugen pro qm der bebauten Grundstücke 40-50 Pfennige und deckten meist 10-20% der Baukosten. Eine Ausnahme ergab sich im Weiler, wegen der übernormalen Größe der Grundstücke hätten die Beiträge fast die gesamten Kosten gedeckt. Der Gemeinderat ermäßigte die Beiträge um etwa die Hälfte und stellte eine weitere Senkung auf ca. 20% der Baukosten in Aussicht. 11 Anlieger im Weiler strengten nun einen Prozess gegen die Gemeinde an und gewannen. Die Satzung musste geändert werden, doch auch nach der neuen Satzung zahlten jene Anlieger mehr, als sie bei einer gütlichen Einigung gezahlt hätten.
Folgende Straßen wurden so nach und nach verbreitert (angestrebte Fahrbahnbreite 5  m) staubfrei gemacht und teilweise mit Gehsteigen versehen: 1959-61 die Neue Straße, die Donauwörther Straße und die Gartenstraße, 1962-63 der Kirchenweg, die Droßbachsiedlung, die Raiffeisenstraße, die Sonnen- und Hirtenstraße, die Adalbert-Stifter-Straße, der 2.-Buschweg und der L-Thomaweg. 1964-65 die Dechentreiterstraße, im Weiler, Am Ried, Mittelsteig, Sudetenstraße, Bahnhofstraße, die Erlenstraße, die Zufahrt zur Leichenhalle und die Industriestraße. 1966 die Straße nach Eggelstetten. Damit waren ca. 7,5 km Ortsstraßen mit Bitumendecken versehen, doch die Hauptstraße war in einem schlechten Zustand. Vor und während des Ausbaus der Ortsstraßen fielen an größeren Ausgaben für die Gemeinde noch an: Erwerb von Baugrund im nördlichen Ortsteil, Errichtung des Kriegerdenkmals mit Ehrenhain, Ankauf des Baggers und Lkw, Bau der Wasserversorgung, Erwerb und Neubau zweier Anwesen wegen Erweitung der Raiffeisenstraße, Zuschüsse für Turmbau und evangelische Kirche, Friedhoferweiterung, Kauf des Sportgeländes und des Wäldchens an der Donauwörther Straße, Erwerb des Kinderheims und der Turnhalle in der Bahnhofstraße, Errichtung des Bauhofes und Bau des Feuerwehrgerätehauses. Alle diese Baumaßnahmen bewältigte man ohne größere Schulden zu machen. Die rege Bautätigkeit und der große Nachholbedarf der Heimatvertriebenen wirkte sich auf Handel und Gewerbe günstig aus. Da auch die Industrie, trotz aller Schwankungen, ziemlich gut lief, war der Ertrag der Gewerbesteuer immer die größte Einnahmequelle der Gemeinde. Erst der Neubau der Verbandsschule mit Bad und Turnhalle, sowie der Bau der Kanalisation machten die Aufnahme größerer Darlehen nötig.
Die Eingliederung der Vertriebenen war im großen und Ganzen, mit Ausnahme der älteren Jahrgänge, gelungen. Der Ortsverband des BHE löste sich satzungsgemäß im Jahre 1966 sang- und klanglos auf.
Leider wurde bei der Gemeindereform die Chance, eine wirklich leistungsfähige Einheitsgemeinde zu bilden, vertan. Da die drei Gemeinden Asbach-Bäumenheim, Mertingen und Oberndorf jede für sich einen teueren Maschinen- und Kanalwart und sonstiges Personal beschäftigen, wären bei einer Einheitsgemeinde Sach- und Personalkosten geringer, ganz abgesehen davon, dass zwei Bürgermeister und etliche Gemeinderäte erspart würden. Die Majorisierung einer Gemeinde war nicht zu befürchten. Bei der Kreistagswahl 1952 erzielten die Heimatvertriebenen 12 Sitze von 45 Kreisräten und zwar 11 Sitze auf der Liste des BHE und einen Sitz auf der Liste der CSU. Asbach-Bäumenheim war durch 6 Kreisräte, zwei davon (Dr. Paninka, Keckstein) waren Vertreibene, vertreten. Beide waren im Kreisbauausschuss tätig. Auf ihren Antrag genehmigte der Kreistag die Errichtung eines Fonds aus dem Bauwillige, auf einen formlosen Antrag hin, einen zinslosen Kredit von DM 4000,- erhalten konnten. An größeren Bauten wurden ausgeführt: die Straße von Harburg nach Wemding, die Donaubrücke bei Donaumünster, die Donautalstraße Donauwörth-Marxheim, der Anbau am Krankenhaus in Monheim und die Landwirtschaftsschule in Wemding. Das bisher Städtische Krankenhaus Donauwörth übernahm der Kreis zum Nulltarif, dafür erhielt jeder Kreisrat vom Bürgermeister Meyer den Ehrentaler der Stadt Donauwörth. Zu den Kosten für den Bettenbau, Schwesternheim und Schwesternschule steuerten der Kreis 80% die Stadt 20% bei. Auch die Berufsschule war ein Gemeinschaftswerk von Kreis und Stadt. Bei der Flurbereinigung in Nordheim waren ca. 300 m der Nordheimer Straße nicht geteert worden. Zum Ausbau dieser Teilstrecke (Niemandsland) auf Nordheimer Flur gab der Kreis einen Zuschuss von DM 8000,-.

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Es war in den ersten August-Tagen 1946 als wir, das waren meine Eltern, meine 15-jährige Schwester und ich vom Flüchtlingslager des Klosters Heilig-Kreuz per Lkw nach Asbach gebracht wurden. An der Ecke des Austragungshauses vom ,,Sattler Hans“ in der Römerstraße wurden wir mit unseren wenigen Habseligkeiten (50 kg pro Kopf) abgesetzt. Wir waren die einzige Familie, die für Asbach zugeteilt war, die übrigen Familien fuhren weiter nach Eggelstetten oder Oberndorf. Nach einiger Zeit erschien der damalige Bürgermeister Herr Karl Förg, begrüßte uns und sagte: er wird sich bemühen ein Zimmer für uns zu organisieren. Das war damals keine leichte Aufgabe, denn die Bauernhäuser in der Römerstraße waren alle voll belegt. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er zum Haus Nr. 10 der Eheleute Anna und Johann Uhl mit Sohn Otto kam. Dort konnten wir dann am Abend, nachdem ein Bahn-Bediensteter, der zu seiner Freundin in die Schmutterwiese umquatiert wurde, ein eigenes Zimmer beziehen. In diesem kleinen Bauernhaus mit 6 Zimmer und einer Kammer wohnten damals 13 Personen. Von der Familie Uhl wurden wir herzlich aufgenommen und es entwickelte sich im Laufe der Zeit ein freundschaftliches Verhältnis bis heute.
Wir hatten für unseren Neustart gute Verhältnisse. Mein Vater erhielt sofort Arbeit bei der Fa. Dechentreiter und meine Schwester konnte in der Spinnerei bei der Firma Droßbach beginnen und meine Mutter unterstützte zur Haupt-Erntezeit Frau Uhl im Haushalt. Ich konnte ab September wieder zur Schule gehen, lernte gleich ein paar nette Freundinnen kennen und bekam in der Pause mal einen Apfel oder auch ein Brot geschenkt, denn ich hatte immer Hunger. In den ersten beiden Jahren war es mit der Verpflegung schon problematisch. Aber wir hielten uns über Wasser, Dank der Familie Uhl. Wir bekamen ein kleines Gartengrundstück, konnten somit Gemüse und Taback anbauen, der damals sehr wichtig war. Im Herbst waren wir auf abgeernteten Feldern Ähren auflesen und Kartoffel nachklauben und erhielten vom Herrn Pfarrer auch mal ein Car-Paket aus Amerika. Später hatten wir dann ein JD-Lux-Wägelchen und konnten so Brennmaterial aus dem Mertinger Walt herbeischafften.
Richtig voran ging es nach der Währungsreform im Juni 1948 und für mich war Asbach eine wirkliche Heimat geworden.
Im Jahr 1952 wurden im Mittelsteig vom Wohnbau-Selbsthilfewerk Donauwörth drei Wohnblöcke a 10 Wohnungen erstellt und wir erhielten im Mittelsteig Nr. 1 (später Sudetenstraße) eine 3-Zimmerwohnung mit Bad zugeteilt. Das Vergaberecht für die drei Blocks hatten die Fa. Dechentreiter, die Gemeinde und die Fa. Droßbach. Jetzt war für uns der Luxus ausgebrochen.
Erinnerungen von Vera Keckstein (heute Leinfelder), Mertinger Straße 5 an ihre Flüchtlingszeit
 
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