Bericht Quirin Wegele - orstchronik

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Flüchtlingszeit
Flüchtlinge und Heimatvertriebene und ihre Integration in Asbach-Bäumenheim

Dieser Beitrag wurde von Quirin Wegele und den Heimatfreunden Bäumenheim zur Verfügung gestelt.

1961: Abriss einer der Baracken am Steglesgraben, in denen Ende 1941 bis Juli 1945 russische und französische Kriegsgefangene und ab Juli 1945 bis Mitte 1960 deutsche Flüchtlinge und Heimatvertriebene untergebracht waren. An ihrer Stelle wurden Häuser einer ,,Landessiedlung“ für Flüchtlinge und Kriegsversehrte erbaut, die mit großzügigen Krediten und Zuschüssen des Staates gefördert wurden.  

Bild: Archiv Heimatfreunde Bäumenheim.

Die ersten Flüchtlinge kamen bereits im März und im Juni 1942 nach Asbach-Bäumenheim. Es waren Einwohner von Wuppertal, die bei befreundeten Familien aufgenommen wurden und hofften, in der kleinen bayerischen Landgemeinde von Bombenangriffen verschont zu werden, von denen ihre Heimat immer häufiger und intensiver heimgesucht wurde.
Am 27. Juli 1943 trafen 30 Personen aus Essen ein, die nach schweren Zerstörungen ihrer Stadt durch Luftangriffe evakuiert und bei Familien eingewiesen wurden, die über etwas geräumigere Wohngebäude verfügten.
Ab November 1944 bis Januar 1945 flüchteten 85 Volksdeutsche aus Rumänien vor der russischen Armee in unsere Gemeinde. Sie wurden in Baracken untergebracht, die eilig auf der Schmutterwiese errichtet wurden.
Im Januar 1945 flüchteten noch einzelne, im Laufe der Jahre 45 bis 47 jedoch verstärkt Bürger aus Ostdeutschland zu uns. Sie fanden eine notdürftige Bleibe in den Baracken auf der Schmutterwiese und am Steglesgraben, nachdem diese von den französischen und russischen Kriegsgefangenen geräumt worden waren. Am 19. März 1945 griffen 126 amerikanische Langstreckenbomber unsere kleine Gemeinde an, dabei wurden 93 Einwohner getötet und ca. die Hälfte der Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Dadurch wurde die ohnehin schon sehr schwierige Wohnsituation noch weiter verschärft. Ausgebombte Familien mussten Unterschlupf bei Verwandten in unserer Gemeinde oder in den benachbarten Dörfern suchen.
Wegen mangelnden Baumaterials konnten die schwerbeschädigten Häuser nur langsam und unzureichend instandgesetzt werden. Es brachte auch keine spürbare Erleichterung, als die Zwangsarbeiter und –arbeiterinnen aus Polen und der Ukraine im August 1945 ihre Unterkünfte im sog. ,,Russenhaus“, in der ,,Polenküche“ und im,,Arbeiterhaus“ verlassen hatten und nach Hause gebracht worden waren, denn durch die ununterbrochene Zuwanderung von Flüchtlingen waren diese schon bald wieder besetzt. So stand die Gemeindeverwaltung vor fast unlösbaren Problemen, als ihr von Februar bis Dezember 1946 ca. 600 Heimatvertriebene aus dem Sudetenland zugeteilt wurden, die sie unterbringen musste. Am 13. 9. 1950 zählte Asbach-Bäumenheim 3408 Einwohner, 2288 Einheimische und 1120 Flüchtlinge und Vertriebene, die damit rund 33% Anteil an der Gesamtbevölkerung hatten.
Die Sudetendeutschen kamen aus den Sammellagern von Donauwörth und Monheim. Sie wurden zunächst in Schulzimmern und in den Sälen der Gastwirtschaften in Asbach und Bäumenheim einquartiert. Das Gedränge in den Wohnungen, aber auch der Mangel an Nahrungsmitteln, Kleidung und Heizmaterial, der durch den Zuzug der Flüchtlinge noch verschlimmert wurde, führte zu unvermeidlichen Spannungen zwischen den Einheimischen und den Vertriebenen. Diese schuldlos aus ihrer Heimat verjagten Menschen wurden lange Zeit als unerwünschte und lästige Eindringlinge behandelt und mit Schimpfnamen bedacht, wobei der Ausdruck ,,Huraflüchtling“ bevorzugt verwendet wurde.
Ihre Integration vollzog sich zwar langsam, jedoch ohne besondere Programme oder Anordnungen. Als sich nach der Währungsreform vom 20. 6. 1948 die westdeutsche Wirtschaft rasch erholte und auch die Bäumenheimer Betriebe ihre Produktion wieder in vollem Umfang aufnahmen, waren die Flüchtlinge und Vertriebenen bald als geschickte und fleißige Handwerker und Arbeitskräfte anerkannt und geschätzt. Die Männer wurden überwiegend bei der Landmaschinenfabrik Dechentreiter, die Frauen bei der Leinenspinnerei –weberei Droßbach beschäftigt. Dennoch blieb, wenn auch mit abnehmender Intensität, die Abneigung der Einheimischen gegenüber den Flüchtlingen bestehen, hauptsächlich hervorgerufen durch den sog. ,,Lastenausgleich“. Vor allem beim Hausbau schienen die Neubürger hohe Zuschüsse zu erhalten, während die Alteingesessenen für den Wiederaufbau ihrer zerbombten Häuser keinerlei Unterstützung bekamen. Dieses Missverhältnis rief natürlich Unverständnis und Neid bei den Einheimischen hervor, vor allem bei den Wohlhabenden, die spürbare finanzielle Abgaben zu entrichten hatten. Die Eingliederung der Heimatvertriebenen zu einer homogenen Dorfgemeinschaft erfolgte in den 50er und 60er Jahren durch eine stetige Zunahme an Ehen und Nachkömmlingen der beiden Bevölkerungsgruppen. Um 1970 waren diese so stark miteinander verwandtschaftlich verflochten, dass man aufhörte, die Bürger in Einheimische und Flüchtlinge zu unterscheiden.
Verwendete Unterlagen: Einwohner-Anmeldeliste der Gemeinde Asbach vom 18. Sept. 1940 bis 30. Dez. 1949 (Standort: Gem. Asbach-Bäumenheim) – Einwohnerstand der Gemeinde Asbach-Bäumenheim Bd. II vom Sept. 59 bis Jan. 87. (Standort: Gem. Asbach-Bäumenheim) – Wohnbevölkerung der Gem. Asbach-Bäumenheim am 13. Sept. 1950 (Bayer. Stat. Landesamt)
 
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